Leseprobe

Pechbach bei Graslitz

Im April und Mai 1847 wüten Hungerunruhen in Deutschland.

3. November 1847:
Der Sonderbundskrieg zwischen katholischen und reformierten Kantonen erschüttert die Schweiz. Er dauerte bis zum 29. November 1847. Er war die letzte militärische Auseinandersetzung auf Schweizer Boden. Als Ergebnis wurde durch die Bundesverfassung vom 12. September 1848 die Schweiz vom Staatenbund zum Bundesstaat geeint.

1847 treten Engels und Marx dem Bund der Gerechten bei und entwerfen das 23 Seiten umfassende Manifest der kommunistischen Partei.

Als drittes Kind von Karl und der Annakatharina kommt Franz, der Trompetenmacher, am 8. März 1893 in Pechbach bei Graslitz zur Welt.

Rudolf Rösler kam zurück nach Pechbach.

Vor vierzehn Jahren hatte er als Zimmermann die Welt erobern wollen, war weggezogen und im fernen Holland ansässig geworden. Er gründete eine Familie, hoffte, dass ihm seine Gattin Kinder schenken würde, er mit ihr glücklich würde. Das Glück zerbrach nach kurzer Zeit. Alleine schlug er sich durchs Leben. Mit den Jahren war der Wunsch immer stärker, zurückzukehren in seine frühere Heimat, zurück zu seinen Freunden. Nicht nur Freunde, auch ein Patenkind hatte er in Pechbach. Um das hatte er sich kaum gekümmert. Sein Patenkind hatte von ihm nie Geschenke bekommen, nie einen Brief, nie ein Wort, seit er weggezogen war. Unbewusst machte er sich Vorwürfe über sein bisheriges Verhalten gegenüber seinem Patenkind. Seinen Freund Karl und dessen Frau Annakatharina wollte er als erste aufsuchen, sich um sein bald erwachsenes Patenkind, den Franz, kümmern, ihn um Verzeihung bitten, dafür, dass er ihn im Stich gelassen hatte. Als er weggezogen war, wohnte die Familie unten am Dorfausgang. Doch da fand er niemanden mehr, das Anwesen war verlassen. Er versuchte herauszufinden, wo denn nun Karl und seine Familie zu finden sei. Dass Karl und Annakatharina längst tot seien, konnte er kaum fassen. So erkundigte er sich über den Verbleib seines Patenkindes.

Kaum einer im kleinen Dörfchen Pechbach wusste oder wollte noch etwas wissen über Franz, den Sohn des alten, längst nicht mehr unter den Lebenden weilenden Karl, kaum einer wollte sich erinnern, kaum einer, der über den jüngsten Sohn von Karl, den Franz, in ein Gespräch verwickelt werden wollte.

Und dabei waren es erst zwei Jahre her, dass Franz sich heimlich abgesetzt hatte aus Pechbach. Das kleine 600 Seelen-Dorf, keine 30 Kilometer von Karlsbad und eine dreiviertel Stunde Fußmarsch von Graslitz weg, verträumt, verlassen und vergessen von der Welt, hatte seinen Mitbürger aus dem Bewusstsein gestrichen.

So erfuhr Rudolf Rösler, dass Franz oben vor dem Waldrand in dem vom Verfall heimgesuchten kleinen Hof aufgewachsen sei, zusammen mit seinem Bruder und einer Schwester. Und in Gesprächen mit verschiedenen Pechbachern fand er vieles heraus. Karl und seine Frau waren längst tot. Die Schwester von Franz trat an ihre Stelle und hatte für die beiden jüngeren Brüder bis vor zwei Jahren gesorgt. Das karge Auskommen hatte Annakatharina damals zu Lebzeiten etwas aufzubessern versucht mit Heimarbeit für die unten im Dorf hinter der Kirche seit ein paar Jahrzehnten angesiedelte Spitzenmanufaktur. Anton Haber, der alte Geizkragen, der die Manufaktur aufgebaut hatte, der fand immer wieder auch noch so unbedeutende Fehler in den Klöppelarbeiten und Stickereien und kürzte das ohnehin schon bescheidene Entgelt. Er tat dies immerfort, nicht nur bei Annakathrina, auch später bei der Schwester von Franz. Es nützte nichts, sich aufzulehnen gegen Haber, er, der Spitzenbaron im Dorf, er bestimmte so vieles. Wer sich ihm nicht unterordnete, der hatte verspielt. Der wurde als billige Arbeitskraft zu einem Hungerlohn, der einem Almosen gleichkam, weggeschickt, der bekam keine Aufträge, der wurde übergangen.

Zerbrochen war Franz’ Schwester an der Verantwortung, der Arbeit auf dem Hof, der ohnehin nicht genug zum Leben hergab, und der offenen Feindseligkeit der Pechbacher, die Karls Familie nie in ihre Gemeinschaft eingeschlossen, geschweige denn aufgenommen hatten.

Zu ergründen, weshalb die Familie des Karl immer Außenseiter geblieben war, das wäre wohl aussichtslos gewesen. Vielleicht war es eben wegen Franz, dem Andersdenkenden, dem Rebell und häuslichen Nichtsnutz, der seinem Vater Karl so ähnlich war.

Der kleine Weiher hinter dem Hof hatte mit seiner Feuchtigkeit dem Anwesen so zugesetzt, dass der Modergeruch schon von weitem wahrzunehmen war. Das kleine Anwesen war kaum mehr als eine Ruine mit Dach, durch das an unzähligen Stellen Regen eindrang und die Fäulnis nur noch verstärkte, das Gemäuer über kurz oder lang wohl zum Einsturz bringen würde.

Oben am Waldrand beim einstigen Anwesen von Karl fand Rösler einen gebrechlichen Alten, ungepflegt, in abgetragener Arbeitskleidung, Stiefeln, die einst bessere Zeiten erlebt hatten. Gebeugt über seiner Hacke vor dem Haus stand er, in jenem Teil des Grundstückes, das zu Lebzeiten von Karl und seiner Frau noch Kartoffeln, Gemüse und Beeren hervorbrachte und damit während der Sommer– und Herbstmonate für etwas Abwechslung in die Versorgung der Familie brachte. Es war mehr Unkraut denn etwas Brauchbares für die Versorgung in dem früheren kleinen Bauerngarten zu entdecken, und mit der Hacke versuchte der Alte die wenigen kleinen Kartoffeln dem Boden zu entreißen. Der Alte hatte sich vor einem Jahr das Gemäuer mit durchlässigem Dach zur vorübergehenden Bleibe gemacht. Früher war er ab und zu Gast im Hause von Karls Familie. Verwöhnt wurde er nicht, denn das karge Auskommen reichte kaum für die Familie. Selbstlos teilten sie das Wenige, das auf den Tisch kommen konnte, mit dem alten Mann. Sein Dank waren jeweils ein paar Stunden Hilfe in Hof und Garten.

Der Alte und Karl kannten sich schon lange, lange Zeit. Es war keine Freundschaft, die den Alten mit der Familie verband. Vielmehr fühlte sich der alte Eigenbrötler der Familie mehr als nur verpflichtet. Karl stand dem Alten seinerzeit für Schulden als Bürge zur Seite. Und nur Karls frühes Hinscheiden bewahrte ihn davor, das Wenige, das er sein eigen nannte, nicht zu verlieren. Der Alte fing an zu erzählen über den jüngsten Sohn des Karl, den Franz. Es war wenig und doch viel, aber immerhin mehr als nur ein Fingerzeig. Wer weiß, ob alles und jedes sich so zugetragen hatte, wie es der Alte erzählte:

„Franz hatte immer seinen eigenen Willen. Kaum einmal gehorchte er der Schwester, er wollte frei, unabhängig, selbständig sein. Was ihm nicht in den Kram passte, das verteufelte er, lehnte sich dagegen auf. Schon mit elf konnte die Schwester ihn kaum zu Hause halten, ihn zur Mitarbeit auf dem Hof bewegen.“

Am 27. März 1899 wird die Schmalspureisenbahnlinie auf den Brocken (Harz) feierlich eröffnet

„Damals in der Volksschule beim Lehrer Glass, da fühlte sich Franz mehr zu Hause als auf dem Hof. Glass hatte es verstanden, auf den Jungen einzugehen und ihm nicht nur Lesen und Schreiben beigebracht. Glass erzählte immer wieder am Stammtisch in der Kneipe vom unglaublich anmutenden Gedächtnis, das Franz eigen war, und seinem Sinn, Zusammenhänge zu verstehen und logisch aus Gehörtem Schlüsse zu ziehen. Er war nicht Klassenbester, aber in den Augen seiner Kameraden ein Streber, und das war verheerend für ihn. Er war abgestempelt als Eigenbrötler, als einer, der in der großen Masse auffiel, sich anders verhielt, der lieber argumentierte und diskutierte als mit den Mitschülern sich im Wald, im Dorf bei allerhand Schabernack auszutoben. Wenn Kameraden ihn ausfoppten oder auf die Schippe zu nehmen versuchten, das allerdings hat er nie ertragen. Da wurde er aufbrausend, wirkte arrogant und mit seiner Meinung, die er als einzig richtige verteidigte, hielt er nicht zurück. Und solche Dispute, die ertrugen seine Kameraden nicht.“

„Lehrer Glass unterrichtete zwei Klassen, in zwei Gruppen war der Unterricht aufgeteilt, die Neulinge vom ersten bis zum dritten in einer und die des vierten und fünften Schuljahres in der anderen. Schon bald nach der Einschulung lauschte der kleine, schmächtige Franz mehr dem, was der Lehrer den älteren mit auf den Weg gab, versuchte er als Erstklässler zu verstehen, was eigentlich für die, die schon drei und mehr Jahre die Schulbank drückten, bestimmt war. Franz als fleißig einzuschätzen, wäre verkehrt gewesen, zwar war es Franz, der meist der einzige war, der die vom Lehrer Glass auferlegten Hausaufgaben, wenn auch nicht immer vollständig, so aber doch mindestens in Bruchstücken vorzeigen konnte. Merkwürdigerweise akzeptierte Franz die Autorität des Lehrers Glass, ganz im Gegensatz zu der seiner älteren Schwester, die ihn nicht in den Griff bekommen konnte, die er überhaupt nicht akzeptieren wollte, sich bei allem und jedem, das sie ihm abverlangte, gegen sie aufbäumte und meist genau das Gegenteil oder überhaupt nichts unternahm.

Franz war immer wieder aufs Neue fasziniert, dem Entstehen einer Trompete durch das große, fast bis zum Boden reichende Fenster in der Blasinstrumentenfabrik Johannes Hoyer zuzuschauen. Zwölf Mitarbeiter arbeiteten bei Johannes, fanden ein verhältnismäßig gutes Auskommen mit ihrer Arbeit, die viel Gefühl, Fingerfertigkeit und musikalisches Verständnis jedem einzelnen abverlangte. Es war eine von drei Werkstätten im Dorf, die Blasinstrumente herstellten. Aber nur bei Hoyer am Ende der Dorfstrasse konnte Franz ohne zu fragen, ganz in sich gekehrt, den Arbeiten zuschauen. Die Entstehung eines Schallstückes, das Biegen der Messingrohre, solches entstand vor den Augen von Franz, und staunend sog er die Bilder aus dem Inneren der Werkstatt in sich auf. Dem Dörfler Kurt, dem fiel Franz als erstem auf. Wenn der Patron nicht im Haus war, holte Dörfler den hageren, so interessierten Jungen hinein in die Werkstätte. Franz war überglücklich, von ganz nah an dem für ihn unwirklich erscheinenden Entstehen eines Schallstückes teilhaben zu dürfen. Mit Fragen über Fragen versuchte er, mehr zu erfahren, das Wie, das Warum und Wozu zu verstehen. Und Dörfler gab bereitwillig Auskunft über alles und jedes. Franz nahm alles wie in einen ausgetrockneten Schwamm in sich auf, bis eines Tages der Patron Hoyer ganz unerwartet in der Werkstätte aufkreuzte und den Jungen bei Dörfler in eine heiße Diskussion verwickelt vorfand. Mit Schimpf und Schande wurde Franz weggejagt, weggejagt aus einer ihm immer vertrauter gewordenen Umgebung. Dem Dörfler wurde ein halber Tagelohn gestrichen. Zum Arbeiten sei er da, nicht zum Diskutieren mit einem halbwüchsigen Taugenichts und Tagedieb, der besser zu Hause auf dem Hof bei seinen Geschwistern bleiben und arbeiten sollte.

Es war das letzte Mal, dass Franz die Fabrik des Hoyer betreten hatte, das letzte Mal, dass er beobachtend vor dem großen Fenster den Arbeiten im Innern folgen konnte. Aber tief drinnen saßen die Eindrücke über das Entstehen eines Blasinstrumentes, eines Jagdhornes, einer Tuba oder einer Trompete. Längst hatte ihm Dörfler die Unterschiede im technischen und akustischen Aufbau über Signal- und Jagdhörner, Fanfaren, Posaunen, Kornette und Flügelhörner erklärt. Franz wusste auch, welchen Einfluss das Metall, das Mundrohr und das Schallstück auf den Klang hat. Er hatte mitbekommen, was Stützen, Zwingen, Wasserklappen, Ventile, Mundstücke und Stimmbögen sind und welche Funktion im Blasinstrumentenbau sie innehaben. Wie eingemeißelt war das, was er beobachtet, was ihm Dörfler mit auf den Weg gegeben hatte.

Am 16. Januar 1904 wird Rosa Luxemburg vom Amtsgericht Zwickau wegen Majestätsbeleidigung zu einer dreimonatigen Haftstrafe verurteilt. Während des Wahlkampfes 1903 hatte sie Kaiser Wilhelm II. Inkompetenz vorgeworfen. Die Haftstrafe tritt die Sozialdemokratin aber erst am 26. August 1904 an.

Der Lehrer Glass entließ den Jungen nach 5 Jahren Glass’schen Unterrichts in die „Fremde“. „Franz, mach mir keine Schande, überwinde Deine Trägheit, dann kannst Du einiges erreichen.“ Und so musste Franz mit elf Jahren am 18. April 1904 sich erstmals auf den vier Kilometer langen Weg nach Graslitz aufmachen mit einem alten zerschlissenen Rucksack auf dem Rücken, der nichts anderes enthielt als zwei schmorige Äpfel, eine Schreibfeder, einen Bleistift und sonst nichts.

Drei Jahre verbrachte Franz in Graslitz in der Oberschule. Er kam immer wieder mit Büchern und Manifesten im Rucksack zurück nach Pechbach. Woher er die Literatur bekommen hatte und welcher Art Schriften sie waren, erzählte Franz nie. Es muss aber wirres Zeug gewesen sein, das er in sich aufgenommen hatte. Mit der Leserei einher ging ein sich absondern zu Hause. Nur das Allernötigste wurde von ihm auf dem Hof verrichtet, und seinen beiden Geschwistern wurde er, je länger die Zeit ins Land strich, nur noch zur Last. Machtlos mussten sie mit ansehen, wie Franz sie mehr und mehr im Stich ließ. Wilhelm, der ältere Bruder, war es, der es immer wieder verstand zu vermitteln, zu schlichten und Franz zu der einen oder anderen Arbeit zu bewegen.

Mit vierzehn, kaum aus der Oberschule entlassen, ist Franz das erste Mal ausgerissen aus der Enge des Hofes und der Abgeschiedenheit Pechbachs. Niemand wusste, wo sich der Junge die ganze Zeit aufgehalten, wer ihn aufgenommen oder gar ausgenützt hatte. Seine Geschwister kümmerte das Schicksal ihres Bruders wenig, Franz war ja auf dem Hof mehr Last als Hilfe. Der Hof gab kaum genug her, um drei zu ernähren. Und so waren sich die beiden bald einig, nichts zu unternehmen, nicht nach ihm zu suchen, zu forschen. Wenn der Franz von alleine zurückfände, würde man ihn wohl wieder in die Gemeinschaft aufnehmen, wenn auch widerwillig. Drei Monate lang hat man nichts von ihm gehört, bis eines Tages der Dorfschmied Jara den jungen Franz ganz zufällig außerhalb von Karlsbad angetroffen hatte und ihn, nicht ohne wortreichen Widerspruch, einfach mitnahm, zurück nach Pechbach. Auch dem Dorfschmied erklärte sich der Junge nicht, verschwiegen saß er auf dem kleinen Brückenwagen wie das Elend in Person. Die ständigen Stöße des holprigen Weges setzten ihm hart zu. Franz schien noch zerbrechlicher als zuvor. Die auf ihn wartenden Arbeiten auf dem Hof, angetrieben von Wilhelm und seiner Schwester, fielen ihm noch schwerer als zuvor.

Noch zweimal ist Franz im gleichen Jahr ausgebrochen aus den Zwängen auf dem Hof. Bei jeder Rückkehr war die Verbitterung über die Zwänge, die man ihm auferlegte, größer geworden.“

Der Alte schien wie abwesend, seine Mimik, seine Gestik, seine Erzählung waren so intensiv, als würde er von seinem Sohn erzählen.

„Aber je mehr Franz heranwuchs, vom Jüngling zum Mann wurde, trieb es ihn endgültig weg vom Hof seiner Eltern. Das Handwerk des Bauern, das gefiel ihm nicht. Mit seiner hageren Statur war er ohnehin nicht geboren zum Bestellen von Feld und Wiesen, anzupacken in Stall, im Wald und wo sonst überall seine Hilfe gebraucht worden wäre. Öfters traf man ihn nach seinen verschiedenen Ausbrüchen unten im Gasthaus. Den Wirt kümmerte es wenig, dem pubertierenden Franz nicht nur Alkoholfreies vorzusetzen. Über seine Erlebnisse weg von Pechbach, da schwieg er sich aber in jeder Situation konsequent aus, auch wenn sein Zustand vom Genuss des Alkohols beeinträchtigt war. Franz träumte mit offenen Augen und voller Überzeugung von der Eroberung der Welt und einer Welt, geprägt von Gleichheit. Die in seinem Alter stehenden jungen Burschen, die konnte er mit seiner unnachahmlichen Überzeugungskraft in seinen Bann ziehen. Die wenigsten unter ihnen waren indes willens oder in der Lage, sich Rechenschaft und die Konsequenzen über die Ideen des Franz zu machen.

Franz hatte nie ein Hehl daraus gemacht, dass er über kurz oder lang ganz weg wolle, seinen eigenen Weg suchen würde und alles andere anpacken wolle als Bauer zu sein. Nur nicht mehr in Pechbach in der von der Welt vergessenen Umgebung leben. Sich etwas Eigenes zu erschaffen, darauf konzentrierten sich seine ganzen Sinne. Seine Ideen und Ideale zu leben, das war sein Ziel.

Für die älteren in Traditionen eingeschnürten Pechbacher war Franz ein Fantast, Träumer, Tagedieb, ein Nichtsnutz, der zu Hause kaum einen Finger rührte, seinem Bruder und seiner Schwester nur zur Last lag. Mit seinen Gedanken und mit seiner Überzeugung war er abgestempelt zum Dissidenten. Die, die kaum je von ihren Füßen weit aus dem Dorfe getragen worden waren, sie argwöhnten, sie distanzierten sich oder stempelten den jungen, fast schon zum Mann gereiften zerbrechlichen, im Geist aber sehr starken Jüngling zum Verräter an seiner Heimat. Sie wollten nichts mit Franz zu schaffen haben. Sie, die meist nicht mal des Lesens und Schreibens mächtig waren, sie hatten noch nie etwas gehört von Engels, von Marx, von Lenin.“

Der Alte hielt inne in seiner Erzählung, griff sich ins schüttere Haar, so, als ob er sich fragen würde, ob es überhaupt rechtens sei, über Franz zu erzählen, ihn zu schildern. Er wusste zwar genau, es würde keinen interessieren, niemandem schaden, wenn er es tat. Franz kümmerte ihn wenig, Franz würde er kaum je wiedersehen,. und wenn schon, was hätte ihm passieren können? Rudolf Rösler war tief berührt. Der Alte hatte ihm sein Patenkind so lebendig vor Augen geführt, als hätte er Franz selbst seine Jugendzeit erzählen hören.

Rudolf Rösler schämte sich, nicht früher sich um sein Patenkind Franz gekümmert zu haben.

Am 4. April 1908 wird der finnische Landtag wegen „staatsfeindlicher Gesinnung“ vom Zaren mit sofortiger Wirkung aufgelöst.

„Den Franz konnte niemand zurückhalten“, so fuhr der Alte in seiner Erzählung fort, „weder Schwester, Bruder noch die Handvoll Kumpane aus der Kneipe, die ihm nicht hörig waren, ihn aber wegen seiner messerscharfen Reden, seiner Argumentationen und seiner wortreichen Darstellung achteten. Neidisch waren sie aber auch, schon deswegen, dass ihnen solche Gaben der Dialektik und der Rhetorik nicht mit auf ihren Lebensweg gegeben wurden.

Es war regnerisch am ersten Dienstag im April 1908, wolkenverhangen der Himmel, die Äcker und Wiesen aufgeweicht von der späten Schneeschmelze und dem Dauerregen der letzten Wochen. Franz musste weg. Ihn verstehen, seine Ideen und seine Gesinnung mit ihm teilen, das wollte, konnte keiner. Die letzten Tage auf dem Hof vor seinem Aufbruch waren fürchterlich für die Schwester, den Bruder und für Franz gewesen. Streit und Handgreiflichkeiten sonder Zahl waren an der Tagesordnung gewesen. Im Zorn, verärgert, unverstanden und voller Wut habe Franz seine wenigen Habseligkeiten in den schon längst nicht mehr intakten Rucksack gesteckt. Die zerschlissenen Trägerriemen taten ihren Dienst nicht mehr. Mit dem Sack unterm Arm ging er des Weges. Dass er damit für die Pechbacher nicht mehr existierte, dessen war sich der abtrünnige Halbwüchsige mit den irren Ideen, Idealen und Gedanken voll bewusst. Franz war schon beim Eindunkeln an jenem 7. April 1908 für die Pechbacher gestorben.“

„Nein“, schloss der Alte, „mehr weiß ich auch nicht. Nein, es hat keinen Sinn, den Bruder und die Schwester von Franz zu suchen, die kaum ein halbes Jahr später Pechbach verlassen haben. Nein, das bringt niemandem was, auch wenn die beiden gefunden würden. Aus denen ist nichts, aber auch gar nichts in Erfahrung zu bringen. Die beiden sind froh gewesen, den auf dem Hof für Nichts zu gebrauchenden Bruder endlich los zu sein. Für die beiden ist Franz am frühen Vormittag des 7. April 1908 gestorben.“

Rudolf Rösler ging seines Weges, er hatte vom Alten mehr erfahren über die Jugend von Franz, als er erhofft hatte. Sein Patenkind war fast erwachsen, es hatte sein Schicksal selbst in die Hand genommen. Er konnte nichts mehr beitragen.

Das vom Verfall bedrohte Anwesen von Karls Familie war leer und verlassen, als der erste Schnee des zu Ende gehenden Jahres 1908 fiel.

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