Buchbesprechung

„Des Trompetenmachers Sohn“ – ein unter die Haut gehender Roman

Frank Jasensky schreibt in seiner Rezension zu diesem Roman: „Herausgerissen aus ihrem gewohnten Leben müssen sich die Protagonisten dieses Buches in einem Chaos von Gewalt, Vertreibung, Not und Zurückweisung zurechtfinden. Im Mittelpunkt steht das Schicksal zweier Menschen unterschiedlichster Herkunft, die auf ihrer Flucht zueinander finden. Staatlich verordnete Unmenschlichkeit wird als persönliche Schuld Einzelner sichtbar gemacht. Das vom Humanismus geprägte Geschichtsbild der neutralen Schweiz bekommt eine Facette beklemmender Provinzialität und menschlicher Kälte hinzugefügt. Selten gelingt es individuelle Schicksale mit einer solchen Intensität spürbar zu machen.“

Der Autor, Frank Bachmann, überzeugt mit seinem Erstlingswerk. Er fesselt den Leser von Beginn weg. Nachdenklich und aufgewühlt folgt er der unglaublich spannenden Darstellung von Menschen, die während den Kriegswirren ihr Schicksal der Verfolgung bewältigen müssen. Verfolgt, der eine wegen seiner politischen Gesinnung, der andere seines Glaubens wegen, finden die beiden zusammen. Mit dem gemeinsamen Sohn wird ihnen schlussendlich Aufnahme in der Schweiz zuteil.

Der Trompetenmacher zerbricht in der Schweiz an seiner politischen Einstellung, zahlt seinen übermäßigen Alkohol- und Nikotingenuss, vierundfünfzig jährig, mit dem Leben. Die Mutter des Jungen, dem Sohn des Trompetenmachers, ist überfordert mit den Aufgaben als Mutter. Ihn muss sie, von der Obrigkeit erzwungen, in eine Pflegefamilie weggeben. Mit dem Leben eines Flüchtlings in der Schweiz kommt sie nicht zurecht und erlebt die Schweiz von einer kaum für möglich gehaltenen Kälte und Abweisung.

Dem Sohn des Trompetenmachers hat das Schicksal eine für jene Zeit in dieser Art kaum für möglich gehaltene, wohlgesinnte Umgebung beschert. Die nahm er dankbar an und identifizierte sich vollends mit ihr.

Beeindruckend ist die detaillierte Darstellung und die dahinter verborgene minutiöse Recherchierarbeit, auch wenn der Autor im Nachwort den freien Umgang mit dem Material andeutet.

Besonders betreffend dem behördlichen Umgang mit Flüchtlingen in der Schweiz scheint das Buch ein wichtiges Dokument zu sein: Fehlende Menschlichkeit, neurotische Angst vor Andersdenkenden und diese dümmliche Arroganz der Macht kommen leider auch heutzutage gelegentlich zum Vorschein. Aber immerhin hat die Schweiz ihre Flüchtlinge – insbesondere jüdische – am Leben gelassen. Aber hätte man von ihr nicht etwas mehr erwarten dürfen? Der Humanismus und die unterzeichneten Völkerrechtsverträge postulieren ein Leben in Würde – das Menschenrecht. Sonst ist die Approximation des Paradieses auf Erden schon wieder zu kommunistisch.

Dem Trompetenmacher schwebte ein harmonisches Zusammenleben im Verband gleichgesinnter Mitmenschen vor, das ihm durch den Krieg vereitelt wurde, ganz nach dem bourgeoisen Motto: Lieber kaputtmachen, als den Kommunisten überlassen. Er wurde marginalisiert und kriminalisiert, zerbrach daran.

Die inhaltschwere Geschichte des Trompetenmachers und seiner „Familie“ ist äußerst spannend geschrieben, genial aufgebaut und bildhaft dargestellt.

Der Trompetenmacher und sein Sohn, sie beide prägen diesen Roman. Es mag erstaunen, wenn die Ereignisse um die beiden in die Form eines Romans und nicht der eines Berichtes gekleidet sind. Unzähliges ist durch Dokumente, Berichte und Zeitzeugen belegt, ist Wirklichkeit, vieles aber ist auch nicht zwischen den Zeilen dieser Zeitdokumente zu lesen, konnte nicht mehr hinterfragt oder erforscht werden. So ist ein Roman entstanden, der mit unglaublicher Intensität und Einfühlungsvermögen ein Bild zeichnet, das so nah als möglich sich an der Wirklichkeit ausrichtet.

Das Buch ist keine Fiktion und deshalb von beklemmender Aktualität.

Der Autor, Frank Bachmann, 1940, aufgewachsen in der Schweiz, lebt seit sechs Jahren in Ostfriesland. In akribischer Kleinarbeit hat er das Leben der drei Protagonisten aus Tausenden von Dokumenten rekonstruiert. Vor allem im Schweizerischen Bundesarchiv, Bern, liegen weit über Tausend Originaldokumente über den Trompetenmacher und seine „Familie“.